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Dieses Thema hat 4 Antworten
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 Behaviour (öffentlich)
Elektra Offline

und definetely not everybody's darling (Forumsbetreiber)


Beiträge: 41.047

24.05.2009 03:27
Seminarbericht: Spiel -> Aggression Zitat · Antworten
Hier die Fortsetzung des Berichts Hundeseminar am Samstag, 16.5.09, Referentin: Dr. Dorit Feddersen-Petersen,
Thema: "SPIEL UND AGGRESSION - Einfluss des Sozialspiels auf das Aggressionsverhalten des jungen und des erwachsenen Hundes"

Nachdem vor der Mittagspause das Spielverhalten von Hunden näher beleuchtet worden war, ging es in der Nachmittags-Session um das Aggressionsverhalten von Hunden.

Klar, daß dabei zunächst über Begrifflichkeiten gesprochen wurde. Mir fiel auf, wie selbstverständlich Dr. Feddersen-Petersen die wissenschaftlich korrekte Definition zugrunde legte, sie wies jedoch auch darauf hin, daß es in der Verhaltensbiologie/-forschung nicht nur eine Entwicklung in der Einschätzung aggressiven Verhaltens, sondern auch in der Wortwahl gegeben habe. Modernere Publikationen zum Thema hätten eine Weile den Terminus Aggression durch den der Agonistik (umfaßt offensives und defensives Aggressionsverhalten, darüberhinaus auch Flucht- und Meideverhalten als Gegenstücke) ersetzt, neuerdings sei oft auch das Wort von der Kompetition (als Gegenstück zur Kooperation) zu finden.

Über die Uneinigkeit, die in der Wortwahl bestehe, wies Feddersen-Petersen auch auf die Uneinheitlichkeit inhaltlicher Definitionen hin. Es gebe zahlreiche Deutungen dessen, was Aggression überhaupt sei, es lohne sich auf die Geschichte dieser Deutungen einen näheren Blick zu werfen.

Vor 20 Jahren sei der Begriff selten positiv besetzt gebraucht worden, an jeder Verwendung habe stets ein Werturteil gehangen. Lange sei Aggression als Verhaltensweise eines Individuums, das ein anderes direkt oder indirekt seelisch oder körperlich schädige, interpretiert worden. Bis in die 90er-Jahre hinein habe man das Urteil "Aggression = böse" automatisch gefällt, später sei man davon ausgegangen, daß Aggression und Frustration mehr oder minder deckungsgleich wären bzw. Aggression stets aus Frustration entstehe. Beides sei, so wisse man heute, schlicht falsch.

Aggression hat, so erklärte Feddersen-Petersen, viele Ursachen und wird heute am richtigsten als Regulativ des Sozialverhaltens verstanden. Aggressives Verhalten zielt entweder darauf ab, das Verhalten eines anderen zu unterbrechen oder ein anderes Individuum zu dominieren, wobei Dominanzverhalten als Korrektiv in einer Beziehung zu begreifen ist.

Grundsätzlich läge daher der Fokus für die Einschätzung hundlicher Aggression ihrer Ansicht nach auch viel zu sehr auf dem Hund, der durch den Menschen leider nur allzuoft an einer für den Artgenossen verständlichen Kommunikation gehindert werde. In den allermeisten Fällen von Beschädigung und/oder Tötung eines anderen Individuums durch einen Hund sei er viel mehr auf den Halter zu richten, der durch die Erziehung seines Hundes und den situativen Umgang mit ihm extremen Einfluß auf dessen Verhalten ausübe.

Die Referentin legte bei der Begriffsklärung besonderen Wert darauf, Aggression und Beutefangverhalten voneinander zu trennen und berichtete, daß an Wölfen beobachtet worden sei, daß diese a) in der sog. "Ranz-Zeit" eine besonders hohe Bereitschaft zu aggressivem Verhalten zeigten, es jedoch bei fast allen Beißvorfällen NICHT um Aggression, sondern um unadäquates Beutefangverhalten gegangen sei.

Einzig in diesem Kontext gehe es schlußendlich um die Tötung des "Gegners", während aggressives Verhalten in aller Regel zahlreiche Hemm-Mechanismen beinhaltet und meist als Mittel der Kommunikation diene. Ernstkämpfe, die das Umbringen des anderen beinhalteten, seien, so sagte sie, nur selten selektionistisch vorteilhaft, vor allem aber wären sie dem Überleben einer Spezies nicht dienlich wären sie die Regel.

Genau aus diesem Grunde sei aggressives Verhalten im Normalfall von Ritualen, einer Art Turnier der Kämpfenden und sog. Komment-Kämpfen (abgeleitet aus dem Französischen von comment = wie, so als ob) bestimmt und diene so fast ausschließlich der Klärung von Fragen des Umgangs miteinander sowie dem Austausch in sozialen Prozessen, selbst die Verteidigung von Ressourcen sei nicht allzu häufig Grund für Aggressionen.

Sehr spannend fand ich, daß Feddersen-Petersen die sprachliche Wurzel des Wortes "Aggression" aufzeigte, die im lateinischen "aggredior" liegt, was soviel wie "an etwas herangehen" bedeutet. Hierdurch wird natürlich klar, warum viele wissenschaftliche Definitionen die Distanzverringerung, die für aggressives Verhalten typisch ist, zur Grundlage machen.

Am zentralsten aber war für mich, daß Feddersen-Petersen noch einmal betonte, daß Aggression einen starken Signalcharakter habe und in intraspezifischen Auseinandersetzungen in aller Regel schon lange VOR einem physischen Kontakt einsetze. Dadurch und durch den hohen Grad kalkulierbarer und für alle Beteiligten nachvollziehbarer Ritualisierung wirke Aggressionsverhalten Beschädigungen VERHINDERND, was evolutionsbiologisch bebrachtet sinnvoll, weil für das Überleben einer Spezies von großem Vorteil, ist. Entsprechend habe sich auch bei Hunden eine komplexe aggressive Kommunikationsstruktur entwickelt, wobei ein genetischer Determinismus (die Behauptung, alle Aggression sei genetisch bedingt) trotzdem fehl am Platze sei.

Die Bereitschaft, aggressives Verhalten zu zeigen, hänge stark von den individuellen Erfahrungen eines Individuums ab, zudem seien die Gründe, es zu zeigen, viel ursächlich.

Und dazu später mehr, jetzt ist erstmal "Bett-Pause". :-)

Viele Grüße
Barbara mit 'dame de coeur' Lupa (G'lupa de la Noire Alliance), Ritter Parcifal, Prince Maddox und Sir Lancelot sowie in ewiger Verbundenheit mit Malibub Athos, Seelenbub Ben, Spitzbub Ilias und Lausbub Seppl

----

"Just a generation ago if you went near a dog when he was eating and the dog growled, somebody would say, 'Don't go near the dog when he's eating!, what are you crazy?' Now the dog gets euthanized. Back then, dogs were allowed to say, NO. Dogs are not allowed to say no anymore...They can't get freaked out, they can't be afraid, they can never signal 'I'd rather not.' We don't have any kind of nuance with regard to dogs expressing that they are uncomfortable, afraid, angry, or in pain, worried, or upset. If the dog is anything other than completely sunny and goofy every second, he goes from a nice dog to an 'AGGRESSIVE' dog." (Jean Donaldson)

Elektra Offline

und definetely not everybody's darling (Forumsbetreiber)


Beiträge: 41.047

31.05.2009 01:09
#2 RE: Seminarbericht: Spiel -> Aggression Zitat · Antworten

So, hier der letzte Teilbericht für dieses Seminar, in dem ich auch Antworten auf eingeschobene Fragen kurz beleuchten will.

1) Wesenstests

Hierzu hatte die Referentin eine sehr, sehr klare Meinung. Sie erklärte, die meisten solcher Tests seien das Papier nicht wert, auf dem sie stünden. In der Regel sähe die Realität so aus, daß man bei vier Testern vier verschiedene Einschätzungen habe, entsprechend die Ergebnisse eher einer Lotterie glichen als allem anderen. Grundlegend, so sagte sie, läge vor allem der Fokus viel zu sehr auf dem Hund und viel zuwenig auf dem Halter.

2) Beutefangverhalten vs Aggressionsverhalten

I. Beutefangverhalten

Im Gegensatz zur Aggression besteht Beutefangverhalten aus vier immer gleichen Handlungsabläufen, die da lauten:
a) Beute finden (d.h., der Hund zeigt ein orientierendes und orientiertes Appetenzverhalten, sprich, erst sucht er die Beute, dann orientiert er sein Verhalten daran, wo die Beute ist und um welche Beute es sich handelt, vom Ergebnis hängt sein konkretes weiteres Vorgehen ab)
b) Angriff und Fassen (Festhalten) der Beute, hierzu zählen auch Verhaltensweisen wie der sog. "Mäuselsprung", den die meisten von uns von ihren Hunden sicher gut kennen
c) Töten (Schütteln im Nackenbereich, Bisse), hierbei wird die Beute durch Pfotenstemmen und Reißen geöffnet
d) Fressen oder verwahren (z.B. vergraben) der Beute

II. Aggressionsverhalten (wobei ein Rückzug bzw. eine Motivations- bzw. Emotionsänderung auf jeder Stufe möglich ist und das Verhalten unterbrechen kann)

A) ohne Körperkontakt
a) Distanzdrohung ohne Körperkontakt (z.B. Drohfixieren)
b) Distanzunterschreitung mit gelegentlichem Körperkontakt (z.B. Antäuschen von Schnappen/Beißen oder gehemmtes Beißen)
B) mit Körperkontakt
a) Drohungen mit Körperkontakt (z.B. über die Schnauze beißen/greifen)
b) Körperkontakt mit Bewegungseinschränkung (z.B. Blockieren des Gegners, auf den Boden drücken)
C) Beschädigung
a) gehemmte Beschädigung (Vorstoßen auf den Körper des Gegners)
b) ungehemmte Beschädigung (Beißen, Beißschütteln)

Zentraler Unterschied zum Aggressionsverhalten: Letzteres zielt NICHT auf die Vernichtung des Gegners ab. Zudem geht es bei Aggressionsverhalten lt. Dr. Feddersen-Petersen nur selten um Ressourcen (zu denen eine Beute natürlich zählen würde), sondern zumeist um soziale Prozesse aller Art (z.B. den Umgang mit anderen Individuen), was natürlich im Rahmen des Beutefangverhaltens vollkommen ausgeschlossen werden kann, schließlich will der Hund mit dem Hasen eher nicht kommunizieren. ;-)

3) Der Mensch - Ressource oder nicht?

Feddersen-Petersen ist da ganz absolut, für sie ist der Mensch NICHT Ressource, höchstens Verteiler derselben. Eine These, der übrigens auch Günther Bloch folgt, den ich vergangenen Mittwoch im Seminar erlebte, dazu aber später mehr.

4) Droh- und Kampfverhalten

Die Entwicklung von Droh- und Kampfverhalten hängt ab:
a) von Erfahrungen (beinhaltet das Aufwachsen des Hundes, die Sozialisation z.B. beim Züchter, die Erziehung des Hundes und natürlich auch die Erfahrungen mit Artgenossen)
b) vom Kommunikationslernen (d.h. was hat der Hund an Drohausdrücken "einüben" können, auf welches Verhalten bekam er welche Reaktion usw.)
c) vom im Sozialspiel Erlernten (hatte er Gelegenheit, soziale Rituale zu lernen, konnte er lernen, sein eigenes Aggressionsverhalten zu kontrollieren und zielgerichtet einzusetzen, durfte er verschiedene "soziale Rollen" trainieren)

5) Dominanz

Feddersen-Petersen sieht einen klaren Zusammenhang von Droh- und Kampfverhalten zum Dominanzverhalten eines Hundes, soll heißen, es geht, wenn Hunde drohen bzw. kämpfen, oft AUCH darum, den Artgenossen, der bedroht bzw. mit dem gekämpft wird, zu dominieren.

6) "Strafe"

Forschungen hätte ergeben, daß das Ignorieren eines Hundes v.a. in der Sozialisierungsphase für das Tier deutlich schlimmer als negative Konsequenzen seien. Begründung: Bei negativen Konsequenzen kann der Hund daran lernen, sie vermeiden zu wollen, während er, wenn sein Verhalten ignoriert wird, aus dieser Ignoranz keine Informationen für die Richtigkeit seines Verhaltens ziehen kann.

Fazit des Seminars

Spielverhalten hat eindeutig Auswirkungen auf das Aggressionsverhalten, da der Hund im Spiel Abläufe, Bewegungen, Rollen und Verhaltensmuster erlernt. Auch erwirbt er seine Beißhemmung im Spiel.

Spielverhalten beinhaltet Teile verschiedener Verhaltenskreise (so z.B. Beutefangverhalten, Aggressionsverhalten, soz. Kommunikation), sie werden jedoch wahllos miteinander kombiniert, zudem fehlt immer die Endhandlung.

Spielen ist im Moment des Spiels zweckfrei, hat jedoch übergeordnet wichtige Funktionen.

Menschen und Hunde haben eine gemeinsame Evolution durchgemacht und weisen in ihren Verhaltensstrukturen deutlich mehr Gemeinsamkeiten auf als es Individuen anderer Spezies es tun. Zentrales verbindendes Element sind Kooperationsfähigkeit und Kooperationsbereitschaft beider Arten. Hierzu fand ich die Aussage "Hunde sind Tiere, die 'wir' sagen" sehr treffend.

Viele Grüße
Barbara mit 'dame de coeur' Lupa (G'lupa de la Noire Alliance), Ritter Parcifal, Prince Maddox und Sir Lancelot sowie in ewiger Verbundenheit mit Malibub Athos, Seelenbub Ben, Spitzbub Ilias und Lausbub Seppl

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"Just a generation ago if you went near a dog when he was eating and the dog growled, somebody would say, 'Don't go near the dog when he's eating!, what are you crazy?' Now the dog gets euthanized. Back then, dogs were allowed to say, NO. Dogs are not allowed to say no anymore...They can't get freaked out, they can't be afraid, they can never signal 'I'd rather not.' We don't have any kind of nuance with regard to dogs expressing that they are uncomfortable, afraid, angry, or in pain, worried, or upset. If the dog is anything other than completely sunny and goofy every second, he goes from a nice dog to an 'AGGRESSIVE' dog." (Jean Donaldson)

soffie Offline

Zwar nicht des Teufels General, aber doch des Satansbratens inquisitorische Fee


Beiträge: 6.337

31.05.2009 02:01
#3 RE: Seminarbericht: Spiel -> Aggression Zitat · Antworten

Danke Barbara!

Liebe Grüsse
Kerstin

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Der Gedanke "Wie belohne ich meinen Hund für richtiges Verhalten?" zeichnet die Qualität der Ausbildung aus, nicht der über Bestrafung. (Edgar Scherkl)

Toni Offline

wo langjährig unschuldig sitzender Knasti entschädigt wird


Beiträge: 6.180

31.05.2009 08:33
#4 RE: Seminarbericht: Spiel -> Aggression Zitat · Antworten

Zitat von soffie
Danke Barbara!


Dem schließe ich mich an.
LG Nicole

**************
Liebe Grüße
Nicole mit "Stinkstiefel" Tobi, und Balou, meinem Bärchen, für immer im Herzen

"Ihr Hund mag Ihnen gegenüber vielleicht ungehorsam sein, aber den Gesetzmäßigkeiten des Lernens gehorcht er stets ausnahmslos perfekt."

Jean Donaldson

Elektra Offline

und definetely not everybody's darling (Forumsbetreiber)


Beiträge: 41.047

02.06.2009 00:43
#5 RE: Seminarbericht: Spiel -> Aggression Zitat · Antworten

Viele Grüße
Barbara mit 'dame de coeur' Lupa (G'lupa de la Noire Alliance), Ritter Parcifal, Prince Maddox und Sir Lancelot sowie in ewiger Verbundenheit mit Malibub Athos, Seelenbub Ben, Spitzbub Ilias und Lausbub Seppl

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"Just a generation ago if you went near a dog when he was eating and the dog growled, somebody would say, 'Don't go near the dog when he's eating!, what are you crazy?' Now the dog gets euthanized. Back then, dogs were allowed to say, NO. Dogs are not allowed to say no anymore...They can't get freaked out, they can't be afraid, they can never signal 'I'd rather not.' We don't have any kind of nuance with regard to dogs expressing that they are uncomfortable, afraid, angry, or in pain, worried, or upset. If the dog is anything other than completely sunny and goofy every second, he goes from a nice dog to an 'AGGRESSIVE' dog." (Jean Donaldson)

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