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Dieses Thema hat 4 Antworten
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 Behaviour (öffentlich)
Elektra Offline

und definetely not everybody's darling (Forumsbetreiber)


Beiträge: 41.050

05.12.2008 19:15
Lernen und Gedächtnis, Teil 1 Zitat · Antworten
Lernen und Gedächtnis
29. November 2008, Düsseldorf, Abendvortrag, Referent: Prof. Udo Gansloßer

Hier erstmal ein erster Teil.

Vorweg: Es war ein spannender Vortrag. Und das, obwohl Prof. Gansloßer wirklich ganz Professor war und eine Vorlesung à la Uni hielt, nicht geplagt von strukturierenden und/oder visualisierenden Hilfen wie Beamer-Folien oder Videofilmen. Zweimal wurde per Overhead-Projektor eine Folie an die Wand geworfen, ab und an ein Stichwort auf einem Flip-Chart notiert, aber wer nicht sehr schnell sehr viel mitschrieb, kämpfte auf verlorenem Posten, wenn es darum ging, das umfangreiche Wissen, das vermittelt wurde, zu ordnen oder zu verarbeiten.

Da paßte Gansloßers Anmerkung zum Thema „Lernen im Tiefschlaf“ gut ins Konzept: Wir lernten, daß stupide auswendig Gelerntes im Schlaf nicht zu verfestigen sei (also nichts mit „Vokabeln unter das Kopfkissen legen“), während auf eigener geistiger Leistung basierende neue Erkenntnis sich während der Nacht sehr wohl im Langzeitgedächtnis festsetzen könnten. Sprich: Wenn nicht nur die Vokabeln gelernt wurden, sondern ein Text in der Sprache, aus der die Vokabeln stammten, gelesen und wirklich verstanden worden sei, diene die Nachtruhe dem Lernprozeß nachhaltig, ansonsten helfe sie nicht.

Für mich waren die Aspekte, die Abläufe von Lernprozessen im Gehirn beleuchteten besonders faszinierend. Es ist unglaublich, auf wie vielen unterschiedlichen Ebenen Säugetiere, Hund genauso wie Mensch, lernen müssen, wie viele Teil-Schritte nötig sind, um Wissen nicht nur im Kurzzeitgedächtnis abzulegen, sondern auch ins Langzeitgedächtnis zu transportieren.

Schritt 1: Elektrische Aktivierung

Generell finden laut Gansloßer die ersten Lernschritte zellenintern statt, und das bedeutet: an diesem Punkt ausschließlich elektrisch, da innerhalb einer Zelle Impulse nur auf diese Weise weitergegeben werden. Mit jeder Wiederholung eines Verhaltens steigt die Erregbarkeit, der Zeitfaktor liegt hierbei im Sekundenbereich. Wobei, so erklärte Gansloßer, der Unterschied zum Computer, der ja ebenfalls über elektrische Signale funktioniere, darin liege, daß das Gehirn selbstlernend sei, also Wiederholungen dazu führten, daß ein Verhalten schneller und besser gezeigt werden könnten. Der PC hingegen lerne nicht, Verhalten und Geschwindigkeit blieben immer gleich.

Gansloßer wies darauf hin, daß es in der Lernphase entsprechend wichtig sei, ein Training nach EINER gelungenen Übung zu beenden, der Hund müsse diesen einen Erfolg mitnehmen und später übertragen können, daher gelte in der Zeit des Aufbaus eines bestimmten Verhaltens das Motto: Einmal gegeben, einmal befolgt, einmal belohnt.

Schritt 2: Chemische Aktivierung

Erst in der Kann-Phase dürfe das gleiche Verhalten mehrfach abgerufen, befolgt und belohnt werden, die Prozesse, die hier abliefen, lägen schon nicht mehr im Sekunden-, sondern bereits im Minutenbereich, in dem Wiederholungen sinnvoll und richtig seien. Ein neuer Rezeptortyp käme so hinzu bzw. werde zusätzlich aktiviert, die Verstärkung erfolge jetzt bereits nicht mehr nur elektrisch, sondern chemisch, mit jedem Erfolg verbessere sich die chemische Umsetzung wie zuvor die elektrische.

Schritt 3: Genetische Aktivierung

Irgendwann gäbe es, so Gansloßer, in jeder Trainingseinheit einen Punkt, an dem es subjektiv nicht mehr besser oder schneller weitergehe. Hier seien zusätzliche Wiederholungen trotzdem nötig, um Informationen aus dem Erbgut abzurufen und mit dem neuen Verhalten zu verbinden. Es sei hier durchaus möglich, nicht durchgängig die eigentliche Übung zu trainieren, man könnte auch zwischenzeitlich etwas anderes mit dem Hund tun, müsse lediglich nach ca. 20 bis 30 Minuten die Brücke zurück bauen und an den 1. Übungsteil noch einmal anknüpfen.

Schritt 4: Anatomische Aktivierung

Durch Bildung neuer Synapsen/Kontaktstellen im Gehirn, verfestige sich das neue Verhalten im Körper des Hundes, hier lägen Zeiträume bereits zwischen mehreren Stunden bis hin zu einem oder zwei Tagen.

Aus den beschriebenen zeitlichen Abläufen ergibt sich laut Gansloßer ein optimaler Trainingsrhythmus, je nachdem, an einem jeweiligen Wissensstand des Hundes orientieren sich Zahl der Wiederholungen, Dauer der Übungseinheit und deren Gestaltung.

Viele Grüße
Barbara mit 'dame de coeur' Lupa (G'lupa de la Noire Alliance), Ritter Parcifal, Prince Maddox und Sir Lancelot sowie in ewiger Verbundenheit mit Malibub Athos, Seelenbub Ben, Spitzbub Ilias und Lausbub Seppl

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"Just a generation ago if you went near a dog when he was eating and the dog growled, somebody would say, 'Don't go near the dog when he's eating!, what are you crazy?' Now the dog gets euthanized. Back then, dogs were allowed to say, NO. Dogs are not allowed to say no anymore...They can't get freaked out, they can't be afraid, they can never signal 'I'd rather not.' We don't have any kind of nuance with regard to dogs expressing that they are uncomfortable, afraid, angry, or in pain, worried, or upset. If the dog is anything other than completely sunny and goofy every second, he goes from a nice dog to an 'AGGRESSIVE' dog." (Jean Donaldson)

soffie Offline

Zwar nicht des Teufels General, aber doch des Satansbratens inquisitorische Fee


Beiträge: 6.337

05.12.2008 19:31
#2 RE: Lernen und Gedächtnis, Teil 1 Zitat · Antworten

Danke Barbara!für diesen interressanten Bericht.

Liebe Grüsse
Kerstin

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Der Gedanke "Wie belohne ich meinen Hund für richtiges Verhalten?" zeichnet die Qualität der Ausbildung aus, nicht der über Bestrafung. (Edgar Scherkl)

stoppel Offline



Beiträge: 8.461

05.12.2008 21:47
#3 RE: Lernen und Gedächtnis, Teil 1 Zitat · Antworten

Hallo Barbara,

danke für die Schilderung des Vortrags.

Inhaltlich kann ich dem zeitlichen Verlauf nicht ganz folgen.
Die ersten zwei Stufen elektrische und chemische Aktivierung können m. E. nur dann getrennt werden, wenn auf dem Niveau einzelner Zellen die Erregungsleitung betrachtet wird.
Da aber für jede sensorische Wahrnehmung und für jede Handlung und Emotion ganze Zellketten sich synchronisiert entladen und dementsprechend Neurotransmitter freisetzen, sind beide Prozesse als Netzwerkschwingungen im Millisekundenbereich angesiedelt.
Artikel in Nature Neuroscience, 2005 Nov; 8(11):1560-7.

Das Netzwerk wird durch Gebrauch (Übung) schneller aktiviert und exakter in der Antwort.
Dafür sind viele Übungseinheiten notwendig, je mehr beteiligte Areale (sensorisch, motorisch und emotional) um so mehr Übung.

Eine anatomische Speicherung findet bereits bei jedem Übungsvorgang statt. Sie ermöglicht die abgestimmte und schnelle Antwort des Netzwerks. Pausen sorgen für die Regenation des Netzwerks und dienen damit ebenfalls der Effizienz.

Eine entscheidende Rolle für die (Langzeit-)Abspeicherung spielen die Hirnareale, die für Emotionen und damit für Motivation zuständig sind.
Aber dazu wirst du sicher noch etwas schreiben.

Falls jemand mehr darüber lesen will:
Roelfsema, Engel, König, Singer (1996): The role of neuronal synchronization in response selection: a biological plausible theory of structured representation in the visual cortex. Journal of Cognitive Neuroscience 8; 6


LG Iris mit Brummbär Richy und Springmaus Querida
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"Happiness is not a station you arrive at, but a manner of travelling." (M.L. Runbeck)

Elektra Offline

und definetely not everybody's darling (Forumsbetreiber)


Beiträge: 41.050

05.12.2008 23:05
#4 RE: Lernen und Gedächtnis, Teil 1 Zitat · Antworten
Spannend, Iris. Ich kann ja nur glauben, was mir der Fachmann sagt, Biologie, Chemie und Physik waren irgendwie immer tendentiell "böhmische Dörfer" für mich.

Es ist klasse, daß Du mitsamt der Quellen korrigiert/ergänzt hast. So kann ich a) Gansloßer im Januar ("Biologie d. Aggression", Tagesseminar) fragen, ob ich da was falsch verstanden habe oder er andere Quellen hat oder wie sonst sich diese konträren Fakten erklären. Ich denke, ich werde es auch mal Ute B.-B. zeigen, die beschäftigt sich mit solchen Fragen ja auch intensiv. Und vielleicht kann Yashilica, unsere "Haus-Biologin" dazu auch was beitragen?

Sag, Iris, woher weißt Du das so genau? Hast Du Dich damit genauer auseinandergesetzt? Wäre ja spannend, wenn Du dann auch das Weitere, das Gansloßer über "Gedächtnis und Lernen" (Abendvortrag) und "Genetik und Verhalten" (anschließendes Seminar)erklärte, entsprechend verifizieren würdest.

Viele Grüße
Barbara mit 'dame de coeur' Lupa (G'lupa de la Noire Alliance), Ritter Parcifal, Prince Maddox und Sir Lancelot sowie in ewiger Verbundenheit mit Malibub Athos, Seelenbub Ben, Spitzbub Ilias und Lausbub Seppl

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stoppel Offline



Beiträge: 8.461

06.12.2008 19:13
#5 RE: Lernen und Gedächtnis, Teil 1 Zitat · Antworten

Zitat von Elektra

Sag, Iris, woher weißt Du das so genau? Hast Du Dich damit genauer auseinandergesetzt? Wäre ja spannend, wenn Du dann auch das Weitere, das Gansloßer über "Gedächtnis und Lernen" (Abendvortrag) und "Genetik und Verhalten" (anschließendes Seminar)erklärte, entsprechend verifizieren würdest.


Na ja, es steht in meiner Homepage (Profil), dass ich 12 Jahre am Max-Planck-Institut für Hirnforschung gearbeitet habe. Abteilung Neurophysiologie (Wolf Singer), AG Psychophysik
Allerdings habe ich mich hauptsächlich mit Fragen der kortikalen Verarbeitung bei menschlichen Wahrnehmungs- und Lernprozessen beschäftigt.

LG Iris mit Brummbär Richy und Springmaus Querida
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